
Absolut lesenswert - Wer sich für Hitler und seine biografische Prägung interessiert, stößt hier auf ein absolut lesbares und spannendes, wenn auch bedrückendes Gebiet. Denn die Stadt Wien ist wohl zu Anfang des 20.Jahrhunderts wie keine zweite Stadt Europas so sehr mit den sozialen Umwälzungen konfrontiert worden. Die Autorin beschreibt anschaulich, wie der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn in Wien repräsentiert wurde. Und sie lenkt den Fokus auf die Deutschen, die sich von anderen Völkern benachteiligt sahen und sich mit allen möglichen politischen Mitteln zur Wehr setzten. Ob Antisemitismus, Propaganda in den Medien, einen deutschfreundlichen Bürgermeister, sogar blutiger Terror gegen andere Nationalitäten waren an der Tagesordnung. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, aber solche Staaten sind, wenn sie so geführt werden, reif für den politischen Untergang - und so war es ja auch.Und da zog nun ein junger Mann von Linz aus in diese Großstadt, um sich als Kunstmaler zu profilieren. Es war kein geringerer als Adolf Hitler. Er versagte kläglich, sich eine Existenz aufzubauen, war ein notorischer Einzelgänger und Tagträumer und verhielt sich sehr streng bürgerlich-spießig. Hitler saugte die politische Situation der Deutschen (einschließlich des Antisemitismus) in Wien auf, weil er sich deutsch fühlte und sich mit allem, was ein Deutscher wissen mußte, um sich intellektuell einigermaßen artikulieren zu können, befaßte. Doch blieb er politisch unaktiv. Im Kontakt mit anderen ist Hitler psycholgisch stark Borderline-gestört (das ist m.M. nach das eigentliche Wesensmerkmal Hitlers, was sich durch seine ganze Biografie und eben halt auch in Wien wie ein roter Faden hindurchzieht).Ich konnte mich durch die präzisen Darstellungen der Autorin über die Stadt Wien und ihre handelnden Personen und unterschiedlichen Nationalitäten auch sehr gut in die soziale Situation der Bürger von Wien hineinversetzen. Es war keine einfache Zeit - mit Verlaub - eher eine sehr bedrückende Materie. Insgesamt 5 Sterne für dieses Meisterwerk
Gute Recherchearbeit - Fr. Hamann arbeitet nachvollziehbar seriös. Sie stellt diverse Aussagen von Zeitzeugen einander gegenüber, versucht zu belegen (oder auch zu widerlegen), was davon wahr sein könnte oder auch nicht, unter anderem unter Zuhilfenahme des Meldewesens, das es damals in Wien gab.Es gab einfach zu viele, die ihn gekannt haben wollen, vor 1945 aus oportunistischen Gründen, nach 1945, um Geld als Buchautoren zu verdienen.(besonders interessant ist der in diesem Buch geschilderte Fall, als sich einer dieser Bekannten vor 1945 wesentlich anders erinnert als danach, sich jeweils als Biograf H.s versuchend).Des weiteren sehr wichtig und hilfreich die penible Ausarbeitung des Umfeldes, das H. geprägt hat: das Wiens, knapp nach der Jahrhundertwende.Und der Personen, die damals dort Politik gemacht haben oder es versuchten. (Bürgermeister Lueger, Schönerer, List, und diverse, deutschtümelnde, teilweise ins okkulte gehende Gemeinschaften)Als zeitgeschichtliches Werk für Interessierte ein Muß.
Viel Unbekanntes zu Adolf H. eingebettet in großartige Geschichtsschreibung - Ein höchst penibel recherchiertes Werk über das soziale, politische und kulturelle Wien zur Zeit der Jahrhundertwende. Nicht nur die kulturelle Situation, die mir als Kulturbremse sonst eher gleichgültig ist, stellt Hamann sehr lebendig dar anhand der damals lebenden Literaten, Künstler und Musiker. Wer was warum schrieb und dichtete, wie das aus der Zeit zu erklären ist und was das für Auswirkungen hatte. Sie beschreibt sehr anschaulich die politische Situation in der Donaumonarchie, die Konflikte im Vielvölkerstaat, das Leben im Parlament (mit zehn (!) zugelassenen Sprachen, wo mehr als die Hälfte der Reden nicht einmal von der Hälfte der Parlamentarier verstanden wurde), der Dünkel der Deutschen und Slawen (v.a. Tschechen, die immer quergetrieben haben, gerade im Parlament). Ein beeindruckendes Kapitel behandelt die soziale Situation im kaiserlichen Wien, die katastrophale Wohnungsnot, der Hunger, die Arbeitslosigkeit und die Abgehobenheit der Volksvertreter. Die Bettgeher, die Obdachlosenasyle, wovon es viele gab in Wien, ein riesiges in Meidling mit über 1000 Schlafplätzen, das trotzdem überfüllt war (und weswegen es dann einen Aufstand gab) und in dem auch Hitler für ein paar Wochen landete, Menschen, die buchstäblich Nichts hatten, und zu denen 1908/09 auch H. gehörte - und dazu der groteske Kontrast des Luxus des gehobenen Bürgertums, des Adels, des eben erwachenden Ringstraßenpomps, die enormen Teuerungen der Lebensmittel, wogenen die Menschen demonstrierten - eine furchtbare Zeit. Der noch nicht zwanzigjährige H. selbst wird als kontaktscheuer, besserwisserischer Eigenbrötler dargestellt. Er politisiert damals schon über die Maßen, hält Monologe, zeichnet Entwürfe für große Projekte in Linz und Wien, geht in die Oper (Wagner), ohne es sich leisten zu können und kennt auch alle Wagner-Opern in- und auswendig. Großkotzig erklärt er seinem Freund Kubizek die Welt, monologisierend, aber auch überzeugend. Er lebt von seiner Tante Hanni, die ihm immer wieder Geld leiht, das sie nie wieder sieht, streitet mit seiner Schwester Paula um die Waisenrente und ist ein Beispiel an Arbeitsscheue. Er gibt sich als Bruder der Arbeiter aus, gibt vor, am Bau gearbeitet zu haben, will akademischer Maler sein (wird wegen Titel-Anmaßung auch angezeigt), was alles erlogen ist. Er ist nicht nur arbeitsscheu, sondern auch arbeitsunfähig, kraftlos, ungeschickt und ungebildet. Er gibt sich aber als Student aus, gibt vor, zu studieren, liest eine Menge, zeichnet eine Menge, weiß auch eine Menge, hat aber trotzdem keine Bildung. Eine höchst unsympathische Figur! Die Zeit im Männerheim ist noch seine beste in Wien, das brigittenauer Männerheim ist zu dieser Zeit neu errichtet, höchst modern, mit einzelnen Schlafplätzen (hier findet H. zum ersten Mal elektrisches Licht in seinem Leben), hier betätigt er sich als Postkartenmaler und lebt nicht schlecht davon, hat ein paar Bekanntschaften, die ihn unterstützen, vor allem Juden (!). Diese Bekanntschaften sind sensationell gut dokumentiert, man erfährt viel über H.s Zeit in Wien und seine sozialen Umstände. Großspurig, großkotzig, obergescheit, besserwisserisch, obwohl von der Hand in den Mund lebend, arbeitsscheu, arbeitsunfähig, kontaktscheu, fremdenfeindlich, asozial, rücksichtslos. Dieses Bild zeichnet Hamann von H. in seiner Wiener Zeit. Äußerst gut recherchiert, farbig geschrieben, spannend, lebendig. Ein Muß für jeden Interessierten an der Geschichte H.s und Wiens zur Jahrhundertwende. Es folgt ein Kapitel über Rassentheoretiker und Welterklärer: auch dieses ist tiefgründig recherchiert, sodaß ein gutes Bild darüber entsteht, welche Ideen H. von wem abgekupfert hat: eine Rolle spielten: Guido von List, Lanz von Liebenfels, Hans Goldzier, Hanns Hörbiger (mit seiner Welteislehre), Otto Weininger und Arthur Trebitsch. Es wundert nicht, dass auch unter diesen einige Juden waren. Es ist weniger interessant, WAS diese Herren so von sich gaben - es ist durchweg rassetümelnder Unsinn, wissenschaftlicher Schwachsinn, sondern eher, wie solche Ideen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Platz greifen konnten, wie sie auf H. und sein Weltbild gewirkt haben. Ein eigenes Kapitel ist Herrn Schönerer und seinen Aposteln gewidmet, ein großes Herrn Dr. Lueger, der großen Antisemiten, der angeblich gar keiner war und großen Lügner. Die Ressentiments der Deutschen gegen die Tschechen und vice versa behandelt ein Großkapitel, eines das Judentum in Wien, man wundert sich, warum die Monarchie überhaupt solange gehalten hat. Ein interessantes Kapitel beleuchtet Hitlers Verhältnis zu Frauen (das keines war), wie er scheu und ängstlich ihnen gegenüber war, verklemmt und sich auch nicht entwickelt hat. Schade nur, dass die Autorin bloß die fünfeinhalb Wiener Jahre Hitlers beleuchtet, das Buch macht Lust auf mehr. Hitler war jedenfalls anfangs eher ein Judenfreund, hat von ihnen gelebt, kein Prob-lem mit ihnen gehabt. Er war nicht nur ein Sonderling, sondern ein Widerling. Großartig, Frau Hamann!
Nobelpreiswürdig - Der Historiker Theodor Mommsen hat für seine Römische Geschichte den Literaturnobelpreis bekommen. Brigitte Hamann hätte ihn für dieses Buch auch verdient. Es ist hoch interessant, gründlich recherchiert und trotzdem leserlich geschrieben. Eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe.
Wiener Sittenbild - Dieses Buch gibt, auch losgelöst von der Person Hitlers, einen tiefen Einblick in das Wiener Leben vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Es ist ein schockierendes Bild. Da sind auf der einen Seite die imperialen Prachtbauten der Ringstrasse, auf der anderen Seite aber namenloses Elend. Hunger und Obdachlosigkeit (inkl.Adolf) waren die Norm in der Hauptstadt eines Staates, den kaum jemand mehr mochte. Die Transleithanier (also alle nicht deutsch-sprachigen Länder, die Mehrheit) suchten die Unabhängigkeit, die Cisleithanier (also das was wir heute Österreicher nennen, die Bezeichnung gab es aber damals offiziell gar nicht) wollten mehrheitlich den Anschluss an Deutschland. Abstruse Ideoligien, Germanenverehrung, Blut-, Boden- und Rassetheorien fanden weite Verbreitung. Heil war der Ruf der Alldeutschen, Hoch der Ruf der Monarchisten.(Und dass mir keiner HEIL ruft hatte wenige Jahre zuvor ein Linzer Lehrer seine Klasse ermahnt, die zum Bejubeln des vorbeifahrenden Kaisers abgestellt war, eine Veranstaltung, an der teilzunehmen sich der Schüler Hitler geweigert hatte)In Wien war der junge H.(Hamanns`sche Diktion) aufmerksamer Stammgast im Parlament. Mit Trillerpfeifen, Trompeten und fest installierten Geräuschkörpern traktierten die Parteien die gegenerischen Redner, die Transleithanier, besonders die Tschechen, taten alles, um sinnvolle Arbeit unmöglich zu machen. Dies gelang durch die mangelhafte Geschäftsordnung, aber für den jungen Beobachter aus der oberösterreichischen Provinz stand die generelle Unbrauchbarkeit eines Parlaments damit ausser Zweifel.Zum guten Ton gehörte quer durch alle Schichten in Wien der Antisemitismus, für viele Parteien war er Programm.Zutritt nur für Arier, Kauft nicht bei Juden gehörte zum Alltagsbild. DieJuden und die Roten waren an allem Schuld. Das kommt einem doch bekannt vor- es sollte 3 Jahrzehnte später in Deutschland Programm werden.Seltsam nur, von einem H. sind, übereinstimmend von allen Zeugen, keine antisimischen Neigungen und Äusserungen bekannt.(Wohl aber Ausfälle gegen die Roten) Im Gegenteil, sein bester Freund war Jude. Dieses Buch beantwortet so viele Fragen, den Antisemitismus H s,den man gewöhnlich in seine Wiener Zeit legt, aber nicht. Man muss wohl nach den Ursachen in einer späteren Phase suchen.Schockierend die Zustände im damaligen Wien. Schockierend aber auch wie simpel H. dieses Gedankengeröll fast 1:1 auf das Deutschland nach dem ersten Weltkrieg übertragen und zu einem politischen Programm machen konnte, das auch noch allgemeine Zustimmung erfuhr.