
Die Kreisky-Memoiren in einem Band - Unter dem Titel Erinnerungen - Das Vermächtnis des Jahrhundertpolitikers wurden die 3 Bände der legendären Kreisky-Memoiren von 1300 auf 500 Seiten gekürzt und umfassen nun mit Schwerpunkt auf die Bände 1-2 die wichtigsten Kapitel der Biografie des Jahrhundertpolitikers und wohl populärsten österreichischen Bundeskanzlers. Jüngeren Generationen mag der Name Kreisky wenig sagen, immerhin ist er bereits 1983 von allen Ämtern zurückgetreten und 1990 verstorben, doch dieser Mann wird nicht umsonst in hohen Ehren gehalten.Am 22. Jänner 1911 geboren wurde der intellektuelle jüdische Großbürger Bruno Kreisky zu einem Zeugen, der das Ende der Monarchie noch knapp miterlebte. Als Jungsozialist kämpfte Kreisky während der ersten Republik um etwas zu erreichen, wobei er nach dem schicksalhaften Februar 1934 als Revolutionärer Sozialist in Haft geriet, ebenso wie nach dem Anschluss, doch Kreisky konnte nach Schweden ins Exil gehen und wurde nach Gründung der zweiten Republik zunächst Diplomat, dann Mitarbeiter von Bundespräsident Theodor Körner und schließlich Staatssekretär im Außenministerium, von wo er nach wenigen Jahren in das Amt des Außenministers wechselte, bis er 1970 als SPÖ-Bundesparteiobmann zum Bundeskanzler gewählt wurde.Die Erinnerungen Bruno Kreiskys sind in vielerlei Hinsicht überraschend. Weniger aufgrund intimer Bekenntnisse, sondern mehr dank der Spannung. Kreisky bzw. seine Ghostwriter haben großartiges geleistet und eine Biografie geschaffen, die spannend, verständlich und angenehm zu lesen ist. Umso eindrucksvoller ist das, weil ein Stück Zeitgeschichte darin österreichische Zeitgeschichte erzählt und mehrfach seine politische und historische Sachkenntnis beweist. Bruno Kreisky nahm schon vieles vorweg und das in den 1980ern, so den Begriff des Neokonservatismus (Seite 98), welchen er schon damals fähig war auszumachen. Zuletzt im Zusammenhang mit der SPÖ und dem seinen Vorbild Kreisky nacheifernden Bundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer interessant sind auch Kreiskys Erläuterungen über den Umgang mit der Parteijungend (Seite 100-101), welcher gerade in Koalitionen nicht nur das Handeln der eigenen Regierungsmitglieder, sondern auch des Koalitionspartners begreiflich gemacht werden muss, um den Anschein von Schwäche und eine Revolte zu vermeiden.So berechtigt die Bezeichnung Kreiskys als großer Staatsmann auch ist, so sehr gilt es auch seinen Mangel an political correctness zu berücksichtigen (so nannte er vermeintliche ÖVP-Parteigänger statt Provinzlern lieber gleich Bauern) der dazu führte, dass er von mancher Seite (laut Paul Lendvais Mein Österreich) auch als Antisemit bezeichnet wurde und das obwohl er unter der NS-Diktatur einen Großteil seiner Familie verloren hat, sowie selbst oft genug antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war. Brillant wiederum seine klugen Worte und scharfen Analysen, die ihm internationalen Respekt einbrachten, ebenso seine Bemühungen um eine Lösung des Nahostkonflikts. Nahostkonflikt, Terrorismus und dem Niveau der heutigen Politik (1986) wurden in der Biografie sogar eigene Kapitel gewidmet. Fazit:Die Faszination an Bruno Kreisky lässt sich schwer erklären. Er ist eindeutig ein Politiker aus einer anderen Zeit und doch ist so vieles was er sagte wohl zeitlos und daher immer noch aktuell. Seine Biografie ist eine angenehme Überraschung, spannend, faszinierend, gut geschrieben, verständlich und scharfsinnig.